Informationen zu Ganztagsschulen in Baden-Württemberg

Es sind folgende drei Formen der Ganztagsschulen zu unterscheiden:

1. Verbindliche Ganztagsschule:
an 3 oder 4 Wochentagen sind die Schülerinnen und Schüler für 7 oder 8
Zeitstunden in der Schule (an den restlichen 1 bis 2 Tagen Tagen nur vormittags).
Der Unterricht soll in rhythmisierter Form stattfinden (Unterricht und Entspannung
im Wechsel). Es besteht Anwesenheitspflicht für ALLE Kinder.

2. Ganztagsschule in Wahlform:
an Schulen, die diese Form der Ganztagsschule anbieten, können die Eltern
zwischen verbindlichem Ganztagszug (siehe oben) und Halbtagszug
(Unterricht i. d. R. vormittags) wählen. Die Anmeldung gilt für ein Jahr und ist
verbindlich.
3. Offene Ganztagsschule:
diese Schulen bieten Betreuungsangebote an, die freiwillig und flexibel gebucht
werden können. Die Form der offenen Ganztagsschule kann seit Änderung des
Schulgesetzes 2014 von den Grundschulen NICHT mehr neu gewählt werden.
Bestehende Schulen haben Bestandsschutz.
Die derzeitige Landesregierung treibt den flächendeckenden Ausbau der
Ganztagsschulen voran – bis zum Jahr 2023 sollen 70 % der Schulen in
Ganztagschulen umgewandelt sein (laut Wahlprogramm der SPD). Begonnen
wurde mit den Grundschulen, nach und nach soll das Programm auch auf die
anderen Schularten ausgeweitet werden.
Die Grundschulen in Baden-Württemberg nach der Änderung des
Schulgesetzes §4a durch die Grün-Rote Landesregierung
Die Landesregierung hat die Ganztagsschule im Grundgesetz verankert.
Seitdem können Grundschulen, die künftig ganztägige Angebote machen
wollen, sich entscheiden zwischen der verbindlichen Ganztagsschule und der
Ganztagsschule in Wahlform. Mit der Umwandlung der Schule entfallen die
bisherigen Landeszuschüsse für flexible und freiwillige Betreuung. Das Land
bezahlt nichts mehr: weder für die Verlässliche Grundschule (VGS) und Horte
noch für Früh-, Spät- und Ferienbetreuung.
(Siehe „Zusätzliche Informationen“ ab Seite 2).
Zusätzliche Informationen
Die baden-württembergische Landesregierung treibt den flächendeckenden Ausbau der
verbindlichen Ganztagsgrundschulen (also mit Anwesenheitspflicht) voran, indem diese
deutlich mehr Mittel bzw. Personal erhalten.
Mit der Änderung des Schulgesetzes werden die Landeszuschüsse für die flexible
Nachmittagsbetreuung an Grundschulen, die Ganztagsschule werden, gestrichen. Dafür
erhalten Kommunen bei der Einrichtung von Ganztagsgrundschulen bis zu 50 %
zusätzliche Lehrerwochenstunden / Ganztagsgruppe.
Die Folge: viele Kommunen stellen die bewährte freiwillige und flexible
Nachmittagsbetreuung (Horte, Verlässliche Grundschule etc.) ganz oder teilweise ein.
Dafür gibt es dann die Ganztagsschule mit Anwesenheitspflicht, denn die wird vom Land
finanziert. Der Ganztagsbetrieb findet an 3 oder 4 Tagen für 7 oder 8 Stunden statt, z.B.
8-15 oder 16 Uhr. Die Anzahl der Tage und Stunden entscheidet zwar die Schule/
Kommune, aber je mehr Tage und Stunden, umso mehr zusätzliche Lehrerstunden bezahlt
das Land, umso attraktiver wird es also finanziell.
Es kann auch Halbtagszüge geben, allerdings vielerorts ohne Nachmittagsbetreuung. Die
Kommune entscheidet, ob die Ganztagsgrundschule in der verbindlichen (nur Ganztag)
oder der Wahlform (Halb- und Ganztag) angeboten wird. Schulen können außerdem

(noch) in ihrer bisherigen Form bestehen bleiben.

2. Problematik der aktuellen Situation
Die meisten Familien brauchen flexible Nachmittagsbetreuung:
Über 80 % der erwerbstätigen Grundschulmütter (und immer mehr Väter) arbeiten Teilzeit,
meist nicht nur vormittags, an unterschiedlichen Tagen und Uhrzeiten – und haben damit
unterschiedlichen Betreuungsbedarf! Diese Eltern haben bewusst entschieden, Teilzeit zu
arbeiten, um Zeit für ihre Kinder zu haben. Trotzdem sind sie künftig gezwungen, ihre
Kinder in den Ganztag zu tun, wenn es sonst keine Betreuung an den benötigten
Nachmittagen gibt. Die Ganztagsschule in Wahlform ist für viele eine Mogelpackung: sie
hilft nur denen, die entweder Vollzeitbetreuung (Ganztagszug) oder gar keine Betreuung
(Halbtagszug) brauchen – die große Mehrheit, die (wie bisher möglich) freiwillige und
flexible Betreuung benötigt, bleibt jetzt ohne Angebot.
Jede Familie ist anders, jedes Kind auch – nicht für jedes 6-10-jährige Kind ist eine 36-
und-mehr-Stunden Schulwoche das Richtige, bei vielen Familien passt dieses starre
System nicht zum Alltag.
Viele Kinder nehmen nachmittags Angebote in Sportvereinen, an Musikschulen, bei freien
Musiklehrern, auf Jugendfarmen, in kirchlichen Institutionen wahr.
Etwa die Hälfte der Kinder macht irgendwann eine Therapie (Logopädie, Physiotherapie
etc). Das lässt sich nicht in den Schulalltag integrieren, muss also danach stattfinden.
Es überrascht nicht, dass lt. Umfragen (forsa, emnid etc.) nur 20-30 % der Familien die
verpflichtende Form der Ganztagsschule wollen.
Die große Mehrheit der Familien möchte und braucht keine Schule mit Anwesenheitspflicht
 bis 16 Uhr, sondern zuverlässige, qualitativ hochwertige Angebote für
Nachmittagsbetreuung, die freiwillig und flexibel sind, mit der Möglichkeit eines warmen
Mittagessens sowie möglicher Betreuung bis 18 Uhr und in den Schulferien. Dies wurde
bisher von Horten, Verlässlicher Grundschule etc. angeboten.
Eltern wollen selber entscheiden, wann sie Zeit mit ihren Kindern verbringen. Sie
wünschen sich so viel Fremdbetreuung wie nötig, aber so wenig Fremdbetreuung wie
möglich!
Kinder nur an den tatsächlich benötigten Tagen zu betreuen statt täglich, oder freiwillig
statt mit Anwesenheitspflicht, ist nicht teurer.
Auch aus pädagogischer Sicht und im Sinne der Bildungsgerechtigkeit muss eine
Ganztagsschule mit Anwesenheitspflicht nicht zwingend sein: der Aktionsrat Bildung, ein
Gremium aus anerkannten Bildungsforschern, stellt im Gutachten vom Nov. 2013 (siehe
Link) fest: „…keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Schülerleistungen
in den Domänen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften an Halb- oder
Ganztagsgrundschulen nachweisen lassen.“ Und “Auch der Test hinsichtlich
herkunftsbedingter Ungleichheiten zeigt keine überzufälligen Unterschiede zwischen
Ganz- und Halbtagsschulen und den drei Kompetenzbereichen.” Vergleichbares besagt
auch die Bertelsmann-Studie (August 2013).
Es ist somit nicht ersichtlich, warum der Mehrheit der Familien die Möglichkeit genommen
werden soll, ihre Kinder so betreuen zu lassen, wie sie es tatsächlich brauchen!
Probleme seit Änderung des Schulgesetzes:
  • Keine Abdeckung der Randzeiten (Früh-, Spätbetreuung) durch Landeszuschüsse
  • Keine Abdeckung der Ferienzeiten (14 Wochen!) durch Landeszuschüsse
  • Bei gemischten Klassen in der Wahlform „Zwangsrhythmisierung“ der Halbtagskinder
    (zusätzlicher Nachmittagsunterricht, oft 2 x / Woche) sowie schwierige Umsetzung durch unterschiedliche Anwesenheitszeiten
  • Keine Abdeckung der Mittagspause von Halbtagskindern bei Nachmittagsunterricht durch Landeszuschüsse
  • Eltern haben nur die Wahl zwischen „Ganz oder Gar Nicht“. In BaWü sind aber dieb meisten berufstätigen Grundschulmütter in Teilzeit tätig, diese Familien benötigenBetreuung an 1-3 Nachmittagen, jede Familie an anderen Tagen. Kommunen dürften dies zwar anbieten, es wird aus Kostengründen aber meist nicht realisiert.
  • In der GTS können nur „Massenangebote“ in Sport, Musik etc. gemacht werden,Randsportarten, Einzelmusikunterricht etc. ist nur sehr eingeschränkt möglich. Dies führt zu einer Gefährdung der reichhaltigen Vereins- etc. Landschaft Baden-Württembergs.
  • Vergleiche mit anderen PISA Teilnehmern bzw. Bundesländern zeigen: verbindlicher Ganztag bringt keinen Vorteil, offene GTS bringt keinen Nachteil.
3. Wie könnte ein Lösungsansatz aussehen:
Folgende Formen sollten angeboten werden:
1. Verbindlicher Ganztag
wie bisher nach Landesgesetz, NEU: mit zusätzlichen flexiblen
Betreuungsangeboten (Früh- und Spätbetreuung, Ferienbetreuung – nur so ist ein
Vollzeitjob machbar!),
2. Ganztag in Wahlform
(=Ganztags- und Halbtagzüge in einer Schule) wie bisher, NEU:
mit zusätzlichen flexiblen Betreuungsangeboten für Ganztags- und Halbtagskinder,
3. Halbtag bzw. Offener Ganztag
(vormittags Unterricht, nachmittags freiwillige Angebote).
Auch hier NEU: zusätzliche flexible Betreuungsangebote.
Es sollten für jede Schulform flexible Betreuungsangebote je nach Bedarf der Schule
für alle Kinder unabhängig von Teilnahme an Halbtag oder Ganztag
vom Land gleichwertig
finanziell und personell gefördert, Beispiele:
·Frühbetreuung vor Unterrichtsbeginn
·Betreute Mittagspause mit warmem Mittagessen
·Hausaufgabenbetreuung
·Förderunterricht
·AGs (Sport, Kunst, Musik, Werken, …….)
·Nachmittags-/Spätbetreuung bis 17 oder 18 Uhr

·Ferienbetreuung

Die Förderung sollte auch für die Angebote der bewährten Einrichtungen wie Horte
(städtisch, kirchlich, frei), Jugendfarmen, Verlässliche Grundschule etc. gelten.
In einigen Städten (Bsp. Reutlingen) wird zusätzlich zur verbindlichen
Ganztagsgrundschule auch flexible Nachmittagsbetreuung für Halbtagsschüler angeboten.
Dies ist also realistisch umsetzbar und auch bezahlbar.
Auch die der Landesregierung politisch nahestehende Friedrich-Ebert-Stiftung kommt in
einer Studie zum Familienbild in Baden-Württemberg (2015) zu dem Ergebnis:
„Flexible Betreuungsangebote, Aufstockung der U3-Betreuung, Betreuung von
Schulkindern über den Schulalltag hinaus, eine zielführende
Hausaufgabenbetreuung, ein qualitativ hochwertiges Mittagessen an den
Schulen und eine finanzierbare Ferienbetreuung sind für Eltern in Baden-
Württemberg die wichtigsten Maßnahmen, um Familien zu entlasten. Die
Betreuungszeiten müssen flexibel den unterschiedlichen Erwerbsmodellen
der Eltern angepasst werden.“
Wir fordern die Landesregierung auf, das Schulgesetz so zu gestalten, dass die
Ganztagsbetreuung an Grundschulen dem Bedarf ALLER Familien entspricht: mit
freiwilligen, flexiblen Betreuungsangeboten, damit jede Familie selber entscheiden kann,
wie viel Betreuung sie in Anspruch nimmt. Nur so haben Eltern echte Wahlfreiheit und
können Beruf und Familie vereinbaren!
Seit der Änderung des Schulgesetzes können Familien bei der Betreuung ihrer
Grundschulkinder an neuen Ganztagsgrundschulen meist nur wählen zwischen
„Ganz oder Gar Nicht“.
Bei einer familienfreundlichen Grundschule sollte aber jede Familie die Betreuung
bekommen, die sie tatsächlich braucht.
4. Links:

Heike Greis, Stuttgart