Instrumentaler Einzelunterricht an der Ganztagsschule *

Die Schulform Ganztagsschule bzw. Ganztagsgrundschule wurde am 16. Juli 2014 mit einem entsprechenden Beschluss der grün-roten Landesregierung in Stuttgart als Regelschule in Baden-Württemberg gesetzlich verankert. Bei Grundschulen, die bereits in Ganztagsschulen umgewandelt wurden, ist daher nicht damit zu rechnen, dass diese in Zukunft wieder zu
Halbtagsschulen werden.

Es ist dabei zu unterscheiden zwischen der offenen (d. h. freiwilligen) und der gebundenen (d. h. verpflichtenden) Ganztagsschule.

Beruflich-existentielle Aspekte für Musikpädagogen
Das Problem für Musikpädagogen und private/öffentliche Musikschulen ist, dass Schüler, die im Rahmen der Halbtags-Grundschule bisher ab ca. 13.30/14.00 Uhr Zeit hatten, ihren Instrumentalunterricht zu besuchen, dies nun erst nach Schulschluss der Ganztagsschule tun können, was heißt, dass der Besuch des Instrumentalunterrichts erst ab ca. 16.00/17.00 Uhr möglich
ist.
Da in der Regel ca. die Hälfte der Schülerschaft eines Musikpädagogen aus Grundschulkindern besteht, führt dies ganz automatisch zu existentiellen Problemen der Musiklehrer und Musikschulen, da die Deputate mangels zeitlich verfügbarer Schüler nicht mehr gefüllt werden können –
im Extremfall sieht sich ein Musiklehrer gezwungen, seinen Beruf aufzugeben, zumal ja das Gehalt bzw. das Honorar für ein Vollzeitdeputat von ca. 25 Zeitstunden (60’) pro Woche schon nicht üppig ist!
Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Zahl älterer Musikschüler im
Realschul- bzw. Gymnasialalter ohnehin stagniert bzw. sogar abnimmt, da
auch diese Schulformen (v. a. das G 8) durch ihre hohen Ansprüche es den
Schülern zunehmend unmöglich machen, sich dem Spiel eines Instrumentes

zu widmen.

Ein Musikinstrument nur in der Gruppe lernen?
Die Ganztagsschule zielt ganz klar auf Unterrichtsangebote in (Groß-)Gruppen ab. Neben den klassischen Schulfächern sind dies unter anderem auch musikalische Angebote wie etwa das Erlernen eines Instruments in Form des Klassenmusizierens. Jedoch kann hier naturgemäß beim Gros der Schüler keinen nennenswerten Lernerfolge erzielt werden:
  • das Erlernen eines Musikinstrumentes ist ein zu komplexer Vorgang, als dass er in einer Gruppe auf Dauer erfolgreich funktionieren könnte;
  • daher treten beim Erlernen eines Instruments die Unterschiede in den dafür nötigen Fertigkeiten der Kinder viel stärker zu tage als in einem weniger komplexen, klassischen Schulfach;
  • da das Erlernen eines Instruments nun einmal mit Geräusch verbunden ist, kommt es aufgrund unterschiedlichen Könnens der Kinder ständig zu Misstönen und Beeinträchtigungen, die ein geordnetes Lernen für alle zunichte machen; zudem werden schwächere Schüler überfordert,
    stärkere langweilen sich.
Die Vorteile des Einzelunterrichtes sprechen für sich
  • das Lernen ist intensiver und besser;
  • eine Einbindung der Eltern in das Instrumentallernen des Kindes ist möglich;
  • der Schüler kann von seinem Lehrer das richtige Üben lernen – in der Gruppe ist für so etwas praktisch kein Raum. Für dauerhaften Erfolg ist die Technik richtigen Übens die Grundvoraussetzung;
  • der Schüler erlebt – im Gegensatz zum Schulunterricht – dass sein Lehrer ausschließlich nur für ihn da ist und auf seine individuellen Probleme ganz eingehen kann.
Bedeutung des Einzelunterrichts
Durch die optimale Förderung des Schülers nebst möglicher Einbindung der
Eltern in das Erlernen eines Instruments ist die Wahrscheinlichkeit für ein
erfolgreiches Lernen im Gegensatz etwa zu einem reinen
(Groß-)Gruppenunterricht mit Abstand am größten; Wettbewerbe wie etwa
„Jugend musiziert“, aber auch der Zugang begabter Nachwuchsmusiker zu
einem künstlerischen oder künstlerisch-pädagogischen Studiengang im Fach
Musik nach dem Schulabschluss können nur durch eine Ausbildung im

Einzelunterricht sichergestellt werden.

Weitergedacht, ist der Einzelunterricht somit auch Voraussetzung für
ein funktionierendes Musikleben in Deutschland, das hierzulande eine
weltweit einzigartige Dichte und Qualität hat: diese wird sichergestellt durch
gut ausgebildete Nachwuchsmusiker, die nach dem Studium als Berufs-
und Orchestermusiker, Musikpädagogen und Schulmusiklehrer, Dirigenten

und Chorleiter wirken.

Gesellschaftlich relevante Aspekte des Instrumentallernens
Das gesellschaftliche und alltäglichen Leben wird heute stark von der
kapitalistischen Wirtschaft sowie der wachsenden Digitalisierung beeinflusst.
Dies führt zu einem immer stärkeren Effizienzdenken, zu immer höheren
Belastungen in der Arbeitswelt und zu einer schon fast unbeherrschbaren
Reizüberflutung, auf die das Individuum in immer schnellerem Tempo
reagieren muss.
Unter diesen ungünstigen Lebensumständen ist das Erlernen einer Fertigkeit, die
gleichermaßen Herzens-, Charakter- und Persönlichkeitsbildung in idealer Weise
fördert und es dem heranwachsenden Menschen vielleicht erleichtert, sich im
 gegenwärtigen und zukünftigen Alltag mit einer gestärkten Persönlichkeit behaupten
zu können, wichtiger als jemals zuvor.
Problematik hinsichtlich außerschulischer Bildung im ganzen
Die allgemein bildende Schule wird oft als Institution betrachtet, deren Aufgabe es ist,
den Schülern Bildung zu vermitteln. Dies geht aber an der Realität vorbei: die Schule –
gemäß ihrem eigentlichen Selbstverständnis – vermittelt in erster Linie Wissen. Wissen ist
aber keine Bildung, denn Bildung ist viel mehr, nämlich vor allem Persönlichkeits- und
Herzensbildung – und diese liegt ganz entscheidend im Wirken außerschulischer Bildungspartner,
als da neben Musikschulen und Musikvereinen auch etwa Sportvereine, Kunstschulen, Ballettschulen, die freiwillige Feuerwehr und vieles mehr zu nennen sind.
Diese sind ebenfalls durch die längere Aufenthaltszeit der Kinder in der
Ganztagsschule von dem Problem betroffen, mit ihren Angeboten die Kinder
nicht mehr im notwendigen Maße erreichen zu können.
Es wird deutlich, wie verheerend sich eine flächendeckende Einführung der
Ganztagsschule auf die Bildung unserer Kinder auswirken würde, zumal die
bislang bestehenden Ganztagsschulen in ihrer Ausgestaltung die Einbindung
solcher „außerschulischen“ Angebote gar nicht ermöglichen. Dazu auch das
Zitat von Ministerialdirigentin Sabine Frömke (Kultusministerium Stuttgart)
in einem an mich gerichteten Schreiben zum Thema Musik/ Einzelunterricht vom 17.12.2014:
„Einzelunterricht am Instrument ist jedoch nicht als solcher generell in die Ganztagsschule
integrierbar.“

Lösungsansätze

 

 Lösung 1: nicht noch mehr Ganztagsschulen

Die eine Lösung besteht darin, dass darauf hinzuwirken ist, dass sich die Anzahl
von Ganztags-Grundschulen nicht weiter erhöht.
Sicherlich gibt es vernachlässigte Kinder aus zerrütteten Familien, für die Ganztagsschule
die beste Wahl ist. Für diese Kinder, die jedoch eine Minderheit in der Gesellschaft darstellen,

ist der Bedarf an Ganztagsschulen schon längst gedeckt.

Ein Hinzukommen weiterer Ganztagsschulen könnte daher Eltern, die sich bislang so organisiert
haben, dass sie für ihre Kindern am Nachmittag da sein können, dazu verleiten, z. B. ihre beruflichen Tätigkeiten auszuweiten, weil das Kind ja in der Ganztagsschule „versorgt“ ist – dabei ist es offensichtlich, dass es für jedes Kind aus geordneten Verhältnissen das beste ist, neben der Schule möglichst viel Zeit mit der Familie und mit freiem Spiel verbringen zu können.
Es gleicht einer Anmaßung, wenn die Politik meint, die allgemein
bildende Schule könne zur Erziehung und Entwicklung der Kinder mehr
beitragen als deren Eltern!

Lösung 2: bessere Ausstattung bestehender Ganztagsschulen

Mit dem Bau einer Mensa ist eine Ganztagsschule noch lange keine vollwertige Ganztagsschule!

Jede Ganztagsschule muss – wie dies z. b. auch im Ausland ganz
selbstverständlich ist, wo bekanntermaßen ein höherer Anteil des politischen
Haushaltes für Schulbildung investiert wird! – die notwendige Infrastruktur
bekommen, um auch bisher außerschulische Angebote in ihrem Umfeld
anbieten zu können – und zwar ganz besonders auch solche für einzelne Schüler!
Nur so kann der Anspruch der Ganztagsschule, auch individuelle Betreuung zu ermöglichen,
eingelöst werden!
In puncto Musik bedeutet dies, dass genügend Räume für instrumentalen Einzelunterricht
sowie auch zum Üben für die Kinder an der Ganztagsschule vorhanden sein müssen. Selbstverständlich müssen die Räume auch die entsprechende Ausstattung aufweisen.
Statt also immer noch mehr Schulen in Ganztagsschulen umzuwandeln, muss darauf hingewirkt werden, dass die bestehenden Schulen deutlich mehr Geldmittel erhalten, um solche Angebote
wie oben genannt in derselben Qualität wie bislang außerschulisch machen zu können.
Wenn zunächst kein Instrumentalunterricht an der Ganztagsschule möglich
ist, wäre die Kooperation zwischen Instrumentalunterricht und
Ganztagsschule möglich: die Musikschüler werden nach Möglichkeit vom
Nachmittagsprogramm der GTS für die Dauer ihres Unterrichts freigestellt
(natürlich in Abstimmung mit der Stundenplanung zwingend zu besuchender
Schulfächer). Die Anreise zum Instrumentalunterricht ist über die Schüler-
Unfallversicherung abgedeckt. Die Freistellung würde den Musik- und Instrumentalunterricht,
der leider viel zu oft als „Freizeitvergnügen“ abgetan wird, zudem aufwerten.
Denkbar ist auch die Einführung eines wählbaren Musikzuges an einem
bestimmten Prozentsatz oder noch besser an allen Ganztagsschulen in
Baden-Württemberg mit dann verpflichtender Belegung von Instrumentalunterricht, der auch
benotet wird und ggf. versetzungsrelevant ist.
Der schulische Lehrplan würde um einen sehr wichtigen, gewinnbringenden und nachhaltig
positiv wirkenden Inhalt ergänzt. Zudem würde sich die Zahl der Musikschüler und damit die Zahl
musizierender Menschen langfristig stark erhöhen, was begrüßenswert wäre.
Mit der Verpflichtung und Benotung ließe sich zudem ein gutes musikalisches Niveau erreichen.

Fazit:

Wenn wir Musikpädagogen untätig bleiben, wird das einzigartige Musikleben Baden-Württembergs, die
Wahrnehmung von Musik in der Öffentlichkeit und das Musizieren von Kindern und Jugendlichen langfristig zerstört werden, und der Berufsstand des Musikpädagogen wird unwiederbringlich verschwinden!
Wir müssen handeln, damit unser Musikausbildungssystem in seiner jetzigen Qualität gewahrt bleibt bzw. sicher weiter verbessert!

Daniel Hennigs